Neben der Spur Die maßlose Selbstüberschätzung des Sanierungsfalls Deutschland

Stand: 03.06.2023 | Lesedauer: 4 Minuten

Von Harald Martenstein
Freier Kolumnist und Autor

Ob bei der unbegrenzten Migration oder der schlagartigen Umstellung auf Erneuerbare: Die Bundesregierung hat das Machbare völlig aus dem Blick verloren. Wenn das Geld nicht reicht, müssen halt die Steuern hoch. Hinter all dem steht die seltsame Überzeugung, dass Deutschland einfach so toll sei.

Harald Martenstein
Quelle: Matthias Schardt/kombinatrotweiss

In der Nacht wache ich manchmal auf, weil mein Gehirn eine Idee hatte, die es mir unbedingt mitteilen möchte. Gestern wachte ich auf und dachte: jetzt also auch Bayern München!

Auch Bayern München hatte seit Jahrzehnten einen guten Ruf, weltweit. Es ist ein positives Symbol für Deutschland, wie das Bier und der Mercedes. Die Zeichen mehren sich aber, dass Bayern heute nicht mehr ganz so stark ist wie früher. Aber der Verein will diese Tatsache, genau wie Deutschland, einfach nicht wahrhaben.

Bayern denkt immer noch, der Gewinn von Meisterschaft, Pokal und Champions League, genannt "Triple", sei irgendwie selbstverständlich für einen so tollen Klub wie Bayern. Das Triple sei nicht etwa ein gigantischer Glücksfall, wie für Normalo-Klubs wie Inter Mailand, nein, es gehört sich einfach so, dass wir es gewinnen. Diese, finde ich, leicht irre Idee führte zur Entlassung des Trainers Julian Nagelsmann, also die Furcht, er könnte nicht, wie es sich gehört, alle drei Titel gewinnen.

Der neue Trainer Thomas Tuchel hat dann mit Müh und Not und nur dank der schwachen Nerven des Rivalen Borussia Dortmund einen Titel gewonnen.

Jeder normale Klub freut sich wie Bolle, wenn er Meister wird. Bei Bayern scheinen die Chefs zu denken: Hä? Nur Meister san mir, mehr nicht? Arroganz muss man sich aber leisten können.

Selbstüberschätzung scheint mir auch ein typisches Problem des heutigen Deutschland zu sein.

Von 2014 an ging's bergab

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Deutschland scheint außerdem davon auszugehen, dass es unbegrenzte Migration verkraften kann, obwohl es dafür kein einziges historisches Vorbild gibt. Deutschland will trotz dieser finanziellen Belastung gleichzeitig den Sozialstaat weiter ausbauen, keine Erhöhung des Rentenalters, mehr Geld für Kinder.

Parallel dazu will Deutschland die Energieversorgung komplett auf Sonne und Wind umstellen, obwohl schon die Umstellung seiner Behörden auf Computer, ein vergleichsweise unambitioniertes Projekt, seit Jahrzehnten nicht gelingen will. Sogar die Alphabetisierung aller Kinder gelingt nicht, dieses Problem teilt Deutschland mit Mali und Haiti.

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Wenn es die wegen der vielen Baustellen erwartbaren Finanzprobleme gibt, rufen die meisten Medien im Chor: höhere Steuern! Nehmt's von den Reichen! Sie glauben wirklich, dass in Deutschland, anders als überall sonst, die Reichen mit ihren Firmen nicht abhauen, wenn die Steuersätze zu unverschämt werden. Warum? Nur, weil Deutschland so toll ist.

"Politik ist die Kunst des Möglichen": Dieses Zitat wird meist Bismarck zugeschrieben. Ich glaube, vor allem wegen dieses eindeutig rechten Satzes wurde kürzlich der Bismarck-Saal im Außenministerium umbenannt.

Unter westdeutschen Intellektuellen war es lange Zeit üblich, Parallelen zwischen der Politik und dem Fußball ihres Landes zu konstruieren. Das "Wunder von Bern", der WM-Sieg von 1954: Sinnbild für ein Gefühl namens "Wir sind wieder wer". Der zweite Weltmeistertitel, 1974: ein Kind der Reform-Euphorie der Ära Brandt. Titel drei, 1990: Deutschland wiedervereint und auf lange Zeit unschlagbar, wie Teamchef Franz Beckenbauer irrtümlich glaubte.

Der bisher letzte WM-Sieg, 2014, war zunächst historisch schwer einzuordnen. Von heute aus gesehen markierte er den Höhe- und zugleich Endpunkt der scheinbaren Erfolgsära der scheinbaren Reformkanzlerin Angela Merkel. Von 2014 an ging's bergab, mit Merkel, mit ihrem Lieblingstrainer Jogi Löw, mit der deutschen Infrastruktur und mit dem internationalen Glauben daran, dass die Deutschen immer wissen, wie's geht, egal, bei was.

Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist inzwischen nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie ist also durchaus, wie immer seit 1954, ein Spiegelbild ihres Landes. Das aber, was vom dominanten, erfolgsgeilen deutschen Fußball zuletzt noch übrig geblieben war, scheinbar so unkaputtbar wie ein Mercedes-Benz, trägt den Namen Bayern München. Oder ist das jetzt auch bald vorbei?

Kann passieren. Ich glaube aber nicht daran. Irgendwie habe ich Zutrauen zu Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß, die Großväter haben wieder das Ruder übernommen. Das ist ja fast so, als ob in Deutschland wieder Adenauer Kanzler wäre! Aber was wäre, wenn Rummenigge und Hoeneß, nachdem sie Bayern vorm Abstieg ins Mittelmaß gerettet haben, einfach auch Deutschland sanieren? Könnte das nicht die Lösung sein?


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